Krieg und Frieden – Starke Mikroben – schwache Hygieniker – Bruno Latour

In der Geschichte der Medizin generell und der Hygiene im Besonderen ist die Verehrung von „Helden“ stark ausgeprägt. Der Soziologe und Philosoph Bruno Latour untersucht dieses Phänomen am Beispiel Louis Pasteurs. Er unterscheidet dabei zwischen der realen Person Pasteur und der Legende „Pasteur“. Latour verweist darauf, dass Pasteur seine bahnbrechenden Forschungen und Entdeckungen nicht im luftleeren Raum, sondern in einer bestimmten Zeit und einem bestimmten sozialen Klima gemacht hat, die sie erst ermöglicht haben. Einen wesentlichen Motor dieses Klimas sieht Latour in der Zuspitzung des Konflikts zwischen „health“ (Gesundheit) und „wealth“ (Reichtum) Mitte des 19. Jhdt.s. Die schlechte gesundheitliche Verfassung der Bevölkerung insgesamt bedroht in dieser Zeit die Wirtschaft und damit den Motor des Reichtums (etwa durch die von den elenden Lebensbedingungen der Armen begünstigten CholeraEpidemien in den Großstädten). Die Anwendung der politischen Ökonomie auf diese sozialmedizinischen Probleme bestimmt Latour als den Anfangspunkt (oder die „Infrastruktur“) des bald folgenden Siegeszuges der Hygiene in Europa. Er sieht die Hygieniker mit ihren Anstrengungen als die ersten „Übersetzer“ dieses Konflikts. Ihre Methode besteht dabei zunächst in einer „Häufung“ von Untersuchungen und Maßnahmen, denn eine genaue Eingrenzung von vielen Krankheitsursachen ist noch nicht möglich. Damit kann noch kein Detail vernachlässigt werden und eine Entlastung der Hygieniker scheint unmöglich. Auf den Ergebnissen der ersten Hygieniker baut nun Louis Pasteur seine Untersuchungen auf, ihm und anderen Einzelpersonen wird oft die Arbeit der Massen zugeschrieben, auf der sie fußen. Auch an seinem Institut in Paris arbeitet Pasteur natürlich nicht alleine. Die Entlastung, die die Pasteurianer der Hygienebewegung verschaffen, bleibt dennoch unbestritten: sie machen den Feind (die Mikroben) für die Hygieniker sichtbar, wo diese zuvor im Dunkeln tappten. Mit der Entdeckung der Mikroben wird auch die Zahl der soziologischen Akteure millionenfach multipliziert. Sie tragen das Potential in sich, jegliche zwischenmenschliche Beziehung, sei sie nun wirtschaftlich, privat oder wie auch immer geartet, zu (zer-)stören. Gleichzeitig lässt sich die Welt ohne Mikroben als Kitt nicht mehr denken, denn nicht nur bei Krankheiten, sondern auch beim menschlichen und tierlichen Stoffwechsel spielen sie eine konstitutive Rolle. Letztendlich bringt die Entdeckung der Mikroben aber Ordnung in die Welt der Hygiene, in der die Hygieniker zuvor alles berücksichtigen mussten.
Im Zuge der Heldenverehrung von Menschen, die große Entdeckungen und Erfindungen in Hygiene und Medizin (und nicht nur dort) gemacht haben, geraten oft die historisch-soziologischen Umstände aus dem Blick, die diese Entdeckungen und Erfindungen ermöglicht haben. Nur vor dem Hintergrund dieser Umstände lassen sich diese aber wirklich nachvollziehen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

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